
Visier auf, Rüstung ablegen – oh oh, das könnte gefährlich werden. Meinem Umfeld (Kollegen, Partner, Freunden) zeigen, wo ich verletzbar bin – zu riskant – speziell im Job. Das kann man nicht machen, das wird ausgenutzt und schwups ist man ein Weichei dem man nichts mehr zutraut – nee nee, das geht nicht.
Urteile ich vielleicht auch so über Andere die zugeben, nicht alles so perfekt im Griff zu haben? Bin ich auch längst so gepolt, dass man Sieger sein muss, immer, überall, auf jedem Gebiet. Eigentlich wissen wir doch längst, jeder ist nur auf manchen Gebieten Sieger – wenn überhaupt.
Wie wohltuend, wenn es die seltene Gelegenheit gibt, dass ein geschützter Raum es möglich macht sich zu öffnen. Ich erinnere mich an einen Flug von Düsseldorf nach London, der ausfiel und wir – alle so zwischen 20 und 30 Jahre alt damals – die Nacht am Flughafen verbrachten (Billigflug, nix mit Hotelersatz). Die Not hatte uns zusammen gewürfelt und man sprach mit einer seltenen Offenheit in der Gewissheit, die seh ich sowieso nicht wieder. Wir waren alle selbst erstaunt über dieses Phänomen, sprachen es auch an. Die tollsten Gespräche ergaben sich, waren eine große Bereicherung und zauberten eine Nähe mit diesen wildfremden Menschen, die wir nie für möglich gehalten hätten. Unfassbar viele Barrieren wurden übersprungen – Menschen, die wir als uninteressant abgestempelt oder in andere bescheuerte Schubladen gepackt hätten standen im strahlenden Licht durch ihre Offenheit.
Oder deutlich später eine Diskussionsrunde wo jemand gestand, dass er überzeugter Christ sei aber als Naturwissenschaftler nicht an ein Leben nach dem Tod glauben könne – wir saßen wohl mit offenem Mund da, bis ich mich für sein Vertrauen und seine Offenheit bedankte. Er meinte, das kann ich nur hier sagen, mein Bruder würde es mir ein Leben lang auf’s Butterbrot schmieren. So mag es hin und wieder anonyme Kreise geben, wo man sich öffnen kann.
Wo und wann bin ich eigentlich verletzbar, ist mir das überhaupt noch bewusst, was ich alles schützen möchte? Ich meine, es sind die Sachen, die mir kostbar sind, die mir viel bedeuten, oder etwas was mir Angst macht. Vielleicht wurde ich mal so verletzt dass es immer noch eine Wunde gibt und mein Schutzwall so groß ist, dass ich selbst - auch in Ausnahmefällen – da nicht mehr ran käme. Hab mir längst eingeredet, dass das alles so in Ordnung ist und begrenze mich so immer mehr. Wenn ich mich vorsichtig öffne und dann kommt der falsche Satz oder vielleicht auch nur der falsche Blick – zack mach ich die Schalen wieder zu wie bei einer Muschel.
Ist es nicht auch dann, wenn ich Fehler eingestehe statt sie irgendwie so hinzubiegen, dass es entweder eine Bagatelle oder ein Scherz war und von mir ja gar nicht so gemeint? Oder ich verdrehe alles so, dass ich sogar noch wie das Opfer erscheine statt mich zu entschuldigen für den Quatsch, den ich da verzapft habe. Mache ich mich verletzbar (erpressbar) wenn ich etwas zugebe, was ich mal „verbrochen“ habe? Das könnte der Andere ja ganz übel ausnutzen nach dem Motto – „ja, Du hast ja damals auch……..“ und schon ist man geschwächt.
Sich in der Firma verletzbar machen – zugeben, dass man zu Hause Stress hat, ein krankes Kind oder seine alten Eltern pflegen muss – da erhält man schnell einen Stempel: nicht mehr voll leistungsfähig, Vorsicht bei Beförderung oder bei verantwortungsvollen Aufgaben etc. Macht man sich nicht auch verletzbar, wenn man seinem Vorgesetzten gesteht, dass man kurz vor dem burnout steht (und allem, was dieser Begriff noch bedeutet). Oh was müssen wir alles schützen – und im Job scheint es mir besonders heikel zu sein.
Aber privat???? – in einer liebevollen Partnerschaft – kann ich mich da verletzbar machen? Schwächen, Sorgen, dunkle Stellen aus der Kindheit und vieles mehr aussprechen – oder muss ich da auch noch den starken Max spielen.
Verletzlichkeit – das kann man wohl von vielen Seiten beleuchten:
was gewinne ich mit meiner Offenheit. Ich meine, ich bekomme sehr viel Nähe geschenkt, denn Mauern schaffen Distanz, das kann nichts werden. Nur mit Offenheit und Ehrlichkeit ist Hilfe möglich. Wie sollen denn Freunde wissen, wie sie helfen können, wenn ich nicht zugebe, wie schrecklich etwas ist oder war, was da passiert ist. Sicherlich ist da der Job immer wieder differenziert zu betrachten, aber verstehen und helfen können Andere auch nur dann, wenn sie wissen, wo der Schuh drückt.
wie verhalte ich mich selbst, wenn mir eine solche Offenheit begegnet? Wie reagiere ich wenn mir der Andere mit wundervoller Offenheit sagt, was ihn sorgt. Da musste ich auch ganz schön lernen, in meiner Betroffenheit nicht gleich die guten Ratschläge rauszuschleudern, die er selbst vermutlich alle selbst schon ausprobiert hat. (Ratschläge sind auch Schläge hab ich mal gelernt). Einfach nur da sein, verstehen und die Schwere erkennen ist glaube ich schon ein guter Schritt.
Ich meine, dies ist eine gute Stelle mal innezuhalten und zu schauen, wie gehe ich mit der Offenheit/Verletzlichkeit Anderer um. Kann ich das überhaupt aushalten? Wie gehe ich mit meiner Hilflosigkeit um, dieses Problem des Anderen nicht lösen zu können? Nur einfach (haha) eine Plattform zur Verfügung zu stellen, darüber überhaupt mal zu sprechen das ist manchmal schon Erlösung. Bei mir hilft „mit Anderen reden“ auch, um für mich Klarheit zu schaffen in meinem Gefühlschaos – insofern ist ein Zuhörer schon eine Kostbarkeit. Aber ich muss zugeben, dass ich auch da bereits meine Grenzen kennengelernt habe. Nur als Auffangbecken für die anderen Probleme da zu sein, zuzuhören, das fällt mir manchmal schwer. Die nötige Distanz zu finden und sich nicht runterziehen zu lassen von den Problemen des Anderen ist manchmal nicht leicht.
Wie reagiere ich als Chef, wenn mir Schwächen mitgeteilt werden. Sind Mitarbeiter nur Leistungspunkte, die meinen eigenen Erfolg stützen? Hab ich überhaupt den Umgang mit Schwächen gelernt, gibt es diesen Punkt im Studium?
Welche Selbstschussanlagen habe ich an meiner Grenze aufgebaut, wenn es an meine heiklen Themen geht. Oh, da haben wir uns schnell Muster angelacht, wie wir das Thema abwürgen können….. Ein Witz darüber, schnell alles ins Lächerliche ziehen und schon hat keiner mehr Lust nachzufassen. Oder manchmal können wir auch wirklich und ehrlich begriffsstutzig sein, weil wir es selbst schon nicht mehr sehen, dieses Problem. Wir können auch rabiat werden, wenn jemand ein heißes Eisen anfasst. Ach, ich glaube, es lohnt immer den zweiten Blick, wenn wir etwas vehement abstreiten, dann scheint Wahrheit dahinter zu stecken. Es soll sogar manchmal so sein, dass ich etwas am Andren verachte, was ich an mir nicht aushalten kann. Eigentlich verrate ich recht deutlich mit meiner Selbstschussanlage, wo meine verletzbaren Stellen sind. Falls ich auf der Suche bin, um mir selbst auf die Schliche zu kommen, dann wäre das eine heiße Spur.